WR 3813 - WAGI Museum Schlieren

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©2021 WAGI Museum

Fragmentarische Eisenbahngeschichte
im WAGI Museum


29.03.2021/pb/fp

Auf den ersten Blick mag das neueste Exponat im WAGI Museum, eine Leihgabe vom Bahnmuseum Albula in Bergün, etwas irritieren. Doch was hinter dem abgetrennten, abgetakelten Wagenrelikt eines ehemaligen Speisewagens der Rhätischen Bahn (RhB) steckt, greift sogar in jüngere europäische Geschichte. Am Ende der glanzvollen 1920er Jahren ist der Wagen aus den Produktionshallen der WAGI auf der Berninanbahn in Betrieb genommen worden und war lange Zeit mit mondänem Publikum in den Schweizer Alpen unterwegs. Heute zeugt die ehemalige MITROPA-Küche vor allem auch vom schwierigen Umgang mit wertvollen historischen Eisenbahnfahrzeugen. MITROPA – ein europäisches Unternehmen auch in Graubünden tätig.





Während des ersten Weltkriegs haben die Eisenbahnverwaltungen der Mittelmächte Deutschland, Österreich und Ungarn die Mitteleuropäische Schlafwagen- und Speisewagen-Aktien-Gesellschaft «MITROPA» als unmittelbare Konkurrenz zu einem erfolgreichen französisch-belgischen Reiseunternehmen gegründet. Die MITROPA betrieb unter anderem luxuriöse Schlaf- und Speisewagen auf dem Schienennetz vieler europäischer Staatsbahnen. Das Unternehmen war aber auch auf dem Netz der Rhätischen Bahn (RhB) und der ehemaligen Berninabahn (BB) aktiv. Erstmals 1928 wurde die MITROPA von der BB als Betreiberin für zwei rote Speisewagen eingesetzt. Zielpublikum war gut betuchtes, internationales Reisepublikum, welches über die Mittagszeit in Expresszügen zwischen St. Moritz und Tirano mit Anschlüssen von und nach Mailand unterwegs war. Diese Gäste wollten standesgemäss im Zug speisen und trinken und gleichzeitig das schöne Alpenpanorama geniessen – was für ein Hochgenuss!


Wenn Architektur auf die alpinen Schienen kommt.

Die zwei von der BB bestellten Speisewagen waren für die damalige Zeit etwas ganz Besonderes. Wohl unter starkem Einfluss der MITROPA bestellte die BB 1927 bei der «Schweizerischen Wagons- und Aufzügefabrik Schlieren» zwei gestalterisch sehr hochwertige «Saalwagen». Das heisst, die Wagen umfassten zwei geräumige «Speisesäle» ohne eigene Küche, diese wurde jeweils in einem separaten Wagen mitgeführt. Die Saalwagen setzten «architektonische» Akzente von Weltformat. Die Luxuswagen der Zeit waren in Europa im Stil des Art déco gehalten; bei den zwei Bernina-Saalwagen ging die Gestaltung aber noch einen mutigen Schritt weiter. Der aus dem Anfang der 1920er Jahre aus stammende gesamtkünstlerische Architektur-, Kunst- und Möbelstil «Bauhaus», der oft als Beginn der Moderne bezeichnet wird und der die Funktionalität in den Mittelpunkt stellt, floss stark in Wagengestaltung ein – mit einem zusätzlichen Schuss Luxus.





Die grossen, seitlichen Fensterbänder waren nur durch acht dünne Pfosten unterbrochen, um eine bestmögliche Sicht zu gewähren. Die grossen Panoramafenster konnten mit Handkurbeln an den Sitzbänken vom Mittelgang aus gesenkt oder gehoben werden. Die Gäste fanden an je sechs Zweier- und Viertischen Platz, wobei an den Vierertischen jeweils nur die Fensterplätze starr waren. Die Gangseitigen Sitzplätze waren lose und elegante Einzelstühle, welche an die leicht abgeschrägten Tische geschoben werden konnten. Den hölzernen Innenraum prägten rostbraune Plüsch-Sitzbezüge, Tischlampen und dunkles Nussbaumtäfer aus dem Kaukasus. Lampenfassungen, Türgriffe und Hutablagen aus hellem Messing setzten einen reizvollen Gegenakzent. An einem Wagenende befand sich eine kleine Anrichte. Die Wagenübergänge waren selbstverständlich mit so genannten «Faltenbälgen» geschlossen. Die rote Farbe, feine Zierlinien und der grosse Art-déco-Schriftzug «MITROPA» rundeten das elegante Erscheinungsbild auch von aussen ab.

Einbau einer Küche im Krieg

Es ist überliefert, dass 1943/1944, also gegen Ende des Zweiten Weltkriegs, als sich der Niedergang des Dritten Reiches bereits real reabzeichnete, die beiden Saalwagen in Berlin-Falkensee durch die MITROPA mit einer modernen elektrischen Küche ausgestattet wurden. Wahrlich abenteuerlich sich vorzustellen, wie die zierlichen Berninabahnwagen in der Phase der beginnenden Bombardierungen durch die Alliierten Deutschland durchquert haben und wieder unversehrt in Graubünden angekommen sind.





Einsatz im Glacier-Express

Nach dem zweiten Weltkrieg wurden nach der Übernahme der maroden BB durch die RhB die zwei Speisewagen zwischen Chur und St. Moritz und ab Ende der 1960er Jahre vor allem auch im berühmten Glacier Express eingesetzt. Die Bauhaus-Wagen boten wiederum einer internationalen Klientel eine ausgezeichnete Aussicht, frischgekochte kulinarische Genüsse und als besonderes Highlight den von flinken Kellnerhänden aus grosser Höhe eingeschenkten Grappa als Digestif. Mit der Schweizerischen Speisewagen Gesellschaft (SGG) als neuer Betreiberin erlangten die zwei Speisewagen bei Kennern eine Art Kultstatus, obwohl oder grad weil sie inzwischen etwas aus der Zeit gefallen waren. Sie wurden durch die Jahrzehnte innen nur wenig verändert; am auffälligsten war der Ersatz der edlen Polster durch grünes, gut abwaschbares Kunstleder.

Schweizerreise

Nachdem die RhB die einst schicken Wagen nicht mehr weiter den Gästen zumuten wollte – sie waren in einem bereits ziemlich abgetakelten Zustand – wurden sie 1990 an die frisch gegründete Dampfbahn Furka Bergstrecke verkauft. Enthusiastisch glaubten die Bahngründer, sie wiederum als Speisewagen einsetzen zu können. Das war betrieblich leider nicht möglich, wie sich später zeigte. Deshalb wurden im solothurnischen Klus (Balstal) und später in Aarau abgestellt.

Schwieriger Umgang mit dem wertvollen Bahnerbe

2003 holte die RhB die Wagen wieder nach Graubünden zurück. Sie hatten in den dreizehn Jahren, bei welchem sie mehrheitlich im Freien gestanden hatten, sehr gelitten. 1999 hat die Hauptwerkstätte der RhB einen der zwei Wagen aufwendig und detailgetreu restauriert und dabei die gesamte Inneneinrichtung wieder im Zustand von 1928 mit zwei Speisesälen und ohne Küche hergestellt. Nicht rot sondern kobaltblau und der Aufrschrift «GOURMINO» wurde er als Verlängerung eines normalen Speisewagens mit Küche eingesetzt. Weil das Marketing der RhB für den Wagen in dieser Funktion keine Zukunft mehr sah, wurde er 2010 selbst mit Zustimmung von historic RhB ausgeräumt und als Piano Bar hergerichtet. Das ist aus heutiger Sicht ein bedauerlicher Entscheid, da dadurch die wertvolle Bauhaus-Einrichtung und Technik entfernt wurde. Dem anderen Wagen erging es noch schlimmer: Pläne für eine Restaurierung zerschlugen sich aus finanziellen Gründen, immerhin wurde 2003 mit einem Trennschnitt die Küche sowie ein Teil des Speiseraums entfernt und notdürftig konserviert. Bis Ende März dieses Jahres war dieses Wagenfragment im Showlager des Bahnmuseums Albula in Bergün ausgestellt. Am 29.3.2021 fand das Speisewagenteil als Leihgabe nun den Weg ins Limmattal.

Was uns dieses Wagenfragment erzählen kann

Für die WAGI Schlieren ist das Wagenfragment ein kleiner Glücksfall. Einerseits zeigt es einmal mehr, wie gross die Innovation und die Handwerkskunst der ehemaligen «Schweizerischen Wagons- und Aufzügefabrik Schlieren» war. Zum anderen erzählt dieses Wagenfragment viele Geschichten: Die Geschichte des frühen, gehobenen europäischen Reisetourismus und der internationalen Zusammenarbeit, die Geschichte eines mutigen Wagentransports und Kücheneinbaus, es zeigt aber auch auf, wie gute «Architektur» durchaus Jahrzehnte überdauern kann und was ein Eisenbahnwagen alles «erleben», wie er enden kann. Es ist aber auch ein Mahnmal dafür, wie nicht selten wertvolle Bahnschätze nicht gewürdigt und erhalten werden können. Während immobile Güter oft einen (zu) starken behördlichen Schutz geniessen, sind mobile Güter oft – auch heute noch – stark gefährdet, sie sind allzu oft «vogelfrei».





Auf jeden Fall ist der Rest des MITROPA-Speisewagens im WAGI Museum ein interessanter und willkommener Botschafter für die RhB und die Bündner Bahnvereine, welche sich engagiert für das rollende Erbe der RhB einsetzen.


© 2021 WAGI Museum Schlieren
Museum
Schweizerische Wagons- und
Aufzügefabrik AG Schlieren

Wagistrasse 15
CH-8952 Schlieren ZH
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